[Rezension] Mädchen in Scherben

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von Kathleen Glasgow

Originaltitel: Girl in Pieces
Originalverlag: Delacorte Press, 2016
Aus dem Amerikanischen von Yvonne Hergane

Erscheinungstermin: 21. März 2018
Klappenbroschur
448 Seiten, ab 14 Jahren,

ISBN:978-3-7335-0415-1
D: 14,00 € | A: 14,40 €
ebook D & A: 12,99 €

Verlag und Quelle für Bild, Autorenbeschreibung sowie Klappentext: FISCHER Kinder- und Jugendtaschenbuch


die Autorin: 

Kathleen Glasgow lebt und schreibt in Tucson, Arizona. »Mädchen in Scherben« ist ihr erstes Jugendbuch.

Klappentext:

„Charlotte ist zerbrochen. Mit nur siebzehn Jahren hat sie mehr verloren, als die meisten Menschen im Leben. Mehr als ein Mensch ertragen kann. Aber sie hat gelernt, wie man vergisst. Wie man seinen Körper gefühllos gegen Schmerz macht. Jede neue Narbe macht Charlottes Herz ein wenig härter, doch irgendwann begreift sie, dass sie mehr ist, als die Summe ihrer Verluste – und beginnt zu kämpfen!

Die bewegende Geschichte einer jungen Frau, die stärker als ihr Schicksal ist.“

Zitate:

„Alles ist hier zu still. Ich fahre mit einer Fingerspitze über die Wände. Stundenlang.“ Seite 14

„Ich wünschte, ich wäre diese Schildkröte, unter Wasser, still, keiner da.“ Seite 20

„Dann steige ich in die Dusche und knalle so lange mit der Stirn gegen die Wand, bis die Bienen alle tot sind.“ Seite 81

Meinung:

Weitestgehend nackt, blutend und völlig traumatisiert, wird ein Mädchen vor dem Krankenhaus gefunden. Sie spricht nicht, hat scheinbar versucht sich das Leben zu nehmen und auf Grund der schweren Narben, die sie trägt, liegt die Vermutung nahe, dass sie sich schon sehr lange selbst verletzt. Sie erwacht in der psychiatrischen Abteilung, wo ihr steiniger Versuch, zurück ins Leben zu gelangen, ihren Anfang nimmt.

Allem voran: es handelt sich bei Charlies Geschichte um ein sehr ernstes Thema, das sehr „unschöne“ Details mit sich bringt. Dementsprechend hart sind manche Phasen und auch die gewählte Ausdrucksweise der Personen ist oftmals entsprechend derb und direkt. Das ist für mein Empfinden alles sehr authentisch und passt gut zusammen, es sollte einem vor dem Lesen jedoch klar sein. Wer mit Kraftausdrücken nicht so  gut umgehen kann, wird vermutlich seine Probleme bekommen. Denn Charlie ist, im wahrsten Sinne des Wortes, „zersplittert“. Wie sehr, erfährt man erst nach und nach, das gesamte Ausmaß ist schwer zu fassen und ließ mich beim Lesen mehrfach schlucken.
Ein toter Vater, eine gewalttätige Mutter, schwere Medikamente ab dem 8. Lebensjahr, ein Leben auf der Straße, usw., machen das Buch thematisch nicht gerade zu einer leichten Kost!
Zusätzliche Unterstützung erfährt dieses zersplitterte Bild auch durch den Schreibstil. Gerade in den Phasen, in denen es Charlie nicht so gut geht, sind die Kapitel und Sätze kurz, die Themen erscheinen oft einfach aus dem Zusammenhang gerissen – sie erzählt, was ihr gerade in den Sinn kommt. Mir kam es im Laufe des Buches so vor, als würde sich das an ihren aktuellen Gesundheitszustand anpassen, was manchmal gewöhnungsbedürftig ist, mir jedoch sehr gut gefallen hat.

Der Teil in der psychiatrischen Abteilung war sehr hart. Diese Gruppe destruktiver Mädchen, ihr Umgang miteinander in Kombination mit Charlies Empfinden, dass es ihr -trotz vielen Einschränkungen (keine gefährlichen Gegenstände usw.), Verboten und schlechtem Essen- in den letzten Jahren nie besser ging als dort, machen den Leser traurig und betroffen.
Das bessert sich auch durch die Umstände ihrer „Entlassung“ nicht. Von da an ist ihr Leben ein ständiger Kampf, den wir schonungslos mitansehen müssen. Oftmals hat man das Gefühl, dass es einen Schritt vor und zwei zurück geht, denn die Gefahren, die einen ins Straucheln bringen können, sind natürlich mannigfaltig und nahezu immer präsent.
Hinzu kommt das tief verankerte Verlangen nach Zuneigung und Wärme, das bei einem verletzten Menschen oft noch ausgeprägter ist –  vor allem wenn er der Meinung ist, dass man ihn nicht lieben könne. Und gerade hier wird die Geschichte auch gefährlich, da sie vermutlich die Meinungen der Leser spalten wird. Denn Charlie gerät natürlich ausgerechnet an eine andere destruktive Person…
Das Schlimme ist, als Leser -wie auch sie selbst- erkennt man die Gefahr dahinter natürlich sofort, aber gleichzeitig auch die Notwendigkeit dieser Person in Charlies Leben. Kathleen Glasgow hat es geschafft ihn so zu erschaffen, dass beim Lesen gleichzeitig alle Alarmglocken schrillen aber zeitgleich auch Sympathie für ihn geweckt wird und man sich ebenso Rettung für ihn wünscht.
Wäre ja zu einfach, wenn er ein Ekel wäre, oder?
Was ist „Liebe“ in diesem Kontext? Hilfe oder der erste Weg zu endgültigen Selbstzerstörung? Und wer entscheidet das? Ihr seht, ist alles nicht so leicht…

Mädchen in Scherben“ ist für mich ein mutiges Buch, das mich sehr nachdenklich und betroffen gemacht hat. Die Art und Weise, wie Charlie oder auch die anderen Mädchen sich sehen, voller Selbsthass, Minderwertigkeitsgefühlen und Zweifel, lassen eine melancholische und traurige Geschichte entstehen, jedoch nicht ohne jegliche Hoffnungsschimmer. Jedoch muss ich auch gestehen, dass diese beklemmende Atmosphäre dazu geführt hat, dass ich mir den Mittelteil des Buches etwas knapper gewünscht hätte. Natürlich ist die Problematik von wegen Schritt nach Vorne und zwei zurück verständlich, jedoch für meinen Geschmack etwas zu ausladend. Hier ein bisschen straffer zu werden, hätte das Gesamtbild für meinen Geschmack runder gemacht.
Nichtsdestotrotz ein wichtiges Buch, das ich nicht missen wollen würde!

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